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D i e S Y K O P H A N T E N - R E C H T S A N W Ä L T E d e r A n t i k e ?
Es gab damals zu Abdera eine Art von Leuten, die sich von der Kunst nährten, schlimme Händel so zurechtzumachen, daß sie wie gute aussahen. Sie gebrauchten dazu nur zwei Hauptkunstgriffe: entweder sie verfälschten das Faktum, oder sie verdrehten das Gesetz. Weil diese Lebensart sehr einträglich war, so legte sich nach und nach eine so große Menge von müßigen Leuten darauf, daß die Pfuscher zuletzt die Meister verdrängten. Die Profession verlor dadurch von ihrem Ansehen. Mann nannte diejenigen, die sich damit abgaben, Sykophanten, vermutlich weil die meisten so arme Schelme waren, daß sie für eine Feige alles sagten, was man wollte.
Indessen, da die Sykophanten wenigstens den zwanzigtsen Teil der Einwohner von Abdera ausmachten und die Leute gleichwohl nicht blos von Feigen leben konnten, so reichten die gewöhnlichen Gelegenheiten, wobei die Rechtshändel zu entstehen pflegen, nicht mehr zu. Die Vorfahren der Sykophanten hatten gewartet, bis man sie um ihren Beistand ansprach. Aber bei dieser Methode hätten ihre Nachfolger hungern oder graben müssen; denn Betteln war in Abdera nicht erlaubt (im Vorbeigehen zu sagen) das einzige war, was die Fremden an der abderitische Polizei zu loben fanden. Nun waren die Sykophanten zum Graben zu faul; folglich blieb den meisten kein andres Mittel übrig, als - die Händel, die sie führen wollten, selbst zu machen.
Weil die Abderiten Leute von sehr hitziger Gemütsart und von geringer Besonnenheit waren, so fehlt es dazu nie an Gelegenheit. Jede Kleinigkeit gab also einen Handel, jeder Abderit hatte seinen Sykophanten, und so wurde wieder eine Art von Gleichgewicht hergestellt, wodurch sich die Profession um so mehr in Ansehen erhielt, weil die Nacheiferung große Talente entwickelte.
Abdera gewann dadurch den Ruhm, daß die Kunst, Fakta zu verfälschen und Gesetze zu verdrehen, in Athen selbst nicht so hoch gebracht worden sei, und dieser Ruhm wurde in der Folge dem Staat einträglich. Denn wer einen ungewöhnlichen schlimmen Handel von einiger Wichtigkeit hatte, verschrieb sich einen abderitschen Sykophanten; und es mußte nicht natürlich zugegangen sein, wenn der Sykophant eher von einem solchen Klienten abgelassen hätte, bis nichts mehr an ihm abzunagen war.
Doch das war noch nicht der größte Vorteil, den die Abderiten von ihren Sykophanten zogen. Was diese Leute in ihren Augen am vorzüglichsten machte, war - die Bequemlichkeit, eine jede Schelmerei ausführen zu können, ohne sich selbst dabei bemühen zu müssen oder sich mit der Justiz abzuwerfen. Man brauchte die Sache nur einen Sykophanten zu übergehen, so konnte man gewöhnlicherweise des Ausgangs wegen ruhig sein. Ich sage gewöhnlicherweise; denn freilich gab es mitunter auch Fälle, wo der Sykophant, nachdem er sich erst von seinem Klienten tüchtig hatte bezahlen lassen, gleichwohl heimlich dem Gegenteil zu seinem Rechte verhalf; aber dies geschah auch niemals, als wenn dieser wenigstens zwei Drittel mehr gab als der Klient.
aus: Christoph Martin Wieland - Geschichte der Abderiten
Und Heute?
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RA Michael W. Adam